Management 3.0Project Leadership

Anna will ihre neuen Mitarbeiter kennenlernen – und nicht nur an der Oberfläche kratzen

Ich verließ das Restaurant Sardegna und verfluchte den kalten Nieselregen im Januar. Frankfurt mochte ja eine interessante Stadt sein, aber in den Wintermonaten machten mir das ständige Grau in Grau arg zu schaffen. Meine Laune hellte sich auf, als ich an die letzte Stunde und mein Essen mit Marc dachte. Wir hatten vor einigen Jahren ein Projekt gemeinsam durchgeführt. Wir hatten gemeinsam ein Team geformt und das Projekt gegen alle Widerstände erfolgreich durchgeführt. Seitdem verband uns eine enge Freundschaft. Die Treffen mit Marc waren immer eine Inspiration, sie waren immer lustig, sie gaben mir immer einen Energieschub (wo nahm dieser Mann nur die Energie her?) und manchmal endeten sie erst in den frühen Morgenstunden in einer verrauchten Bar.

Auf dem Weg zur Hauptwache war ich immer noch in Gedanken versunken als ich plötzlich Anna sah. Wir immer hatte sie ein Lächeln auf den Lippen. Auch mit Anna hatte ich in einem Projekt zusammengearbeitet, aber der Kontakt war danach irgendwie abgebrochen.

„Hey Anna!“ rief ich.

„Stephan! Schön, dich zu sehen! Mann, es ist Ewigkeiten her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wie geht es dir?“

„Prima. Ich komme gerade vom Essen mit Marc, bin gut gelaunt und voller Tatendrang. Und selbst?“

„Ebenfalls gut – wollen wir einen Café trinken und ein bisschen erzählen?“

Wir steuerten das Bar Celona an und suchten uns einen freien Tisch in der Ecke. Sofort schwelgten wir in Erinnerungen und erzählten uns, was wir seit unserem gemeinsamen Projekt erlebt hatten. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass ich mit manchen Menschen auch nach Jahren sprechen kann, als ob ich sie gestern erst gesehen hätte. Wir Projektmenschen sind irgendwie eine besondere Spezies und Projekte schweißen zusammen. Anna erzählte, dass in ihrer Firma gerade eine Reorganisation durchgeführt wurde und sie jetzt die Leitung von drei Entwicklungsteams übernommen hatten.

„Glückwunsch – das sind ja tolle Neuigkeiten! Du fühlst dich sicherlich großartig, oder?“

„Einerseits ja, andererseits nein“ antwortete Anna. „Ich stehe voll hinter der Entscheidung, die Entwicklung für mobile Plattformen zu stärken und gemeinsam zu betrachten. Ich freue mich auch unheimlich, dass unsere Firma mich mit der Leitung der drei Teams betraut hat – das ist ein ganz schön großer Vertrauensvorschuss. Und genau dieses Vertrauen möchte ich nicht zerstören.“

„Du befürchtest, dass du die Erwartungen nicht erfüllen kannst?“

„Genau. Die Erwartungen unseres Managements und auch meiner Mitarbeiter. Das geht schon bei ganz trivialen Dingen los. Ich kenne den Großteil meiner Mitarbeiter gar nicht. Ich habe nie mit Ihnen zusammengearbeitet. Ich weiß nicht, ob sie Familie haben. Ich kenne ihre persönlichen und beruflichen Ziele nicht. Und das schlimmste ist – ich habe ein fürchterlich schlechtes Gedächtnis. Nie im Leben kann ich mir all diese Details für 27 Leute merken, auch wenn es mir wichtig ist.“

Ich schaute Anna an. Ihr Lächeln war verschwunden und sie war tief in Gedanken versunken. Die Frage, wie sie möglichst schnell ihre Mitarbeiter kennlernen könnte, beschäftigte sie offensichtlich.

„Warum machst du dir nicht einfach ein paar Notizen nach jedem Gespräch, welches du führst?“

„But that’s creepy!“ entgegnete Anna entrüstet. „Was sollen sie denn über mich denken? Das ich über jedes Detail Buch führe? So etwas möchte ich nicht!“

„Kennst du das Konzept der Personal Maps?“ fragte ich Anna. Sie schüttelte den Kopf und schaute mich fragend an. „Du kannst mit deiner Fragestellung ganz offensiv umgehen. Du kannst deinen Mitarbeitern sagen, dass du sie möglichst schnell kennenlernen möchtest. Du bittest jeden Mitarbeiter, eine Personal Map zu erstellen. Diese Karte – eine Art MindMap – hilft dir, diese Person zu navigieren. Jeder Mitarbeiter kann selber entscheiden, was er in diese Karte einzeichnet und wie detailliert er die Karte erstellt. Du hattest eben erwähnt, dass du nicht weißt, wie deine Mitarbeiter arbeiten, ob sie eine Familie haben und welches ihre Ziele sind. Gibt es weitere Aspekte, die du gerne wissen möchtest?“

Anna überlegte einen Moment.

„Hmm. Mir wäre wichtig, den Wohnort zu kennen – ob die Person stundenlang pendeln muss oder um die Ecke wohnt. Neben der Familie vielleicht auch noch Freunde und Hobbys – es könnte ja auch ein Leben neben der Arbeit geben.“ Anna lachte. „Die persönlichen Werte sind sicherlich auch gut zu wissen. Ach – und eine interessante, unerwartete, lustige Sache. Vielleicht hat jemand in meinem Team den Kilimandscharo bestiegen?“

Anna kramte in ihrer Tasche nach ihrem Notizbuch.

„Ich versuche mal, das als MindMap – äh, Personal Map – darzustellen.“ Sie notierte die Schlagwörter in ihrem Buch. „Etwa so?“

„Wunderbar“ antwortete ich. „Damit hast du eine prima Gesprächsgrundlage. Noch zwei Tipps: Jeder deiner Mitarbeiter kann entscheiden, ob er die Personal Map ausfüllt, was er schreibt und wie detailliert er die Personal Map ausfüllt. Du bist allerdings diejenige, die Fragen stellen darf… Deine Mitarbeiter sollen sich also nicht mit Hilfe der Personal Map vorstellen, sondern du fragst nach den Dingen, die dich überraschen, die dich interessieren, die dir wichtig erscheinen.“

Anna legte den Kopf auf die Seite. „Cool, damit verringere ich also das Risiko, dass sich manche Mitarbeiter selbst über den Klee loben.“

„Ganz genau. Die Personal Map ist der Einstieg in einen Dialog, und du kannst in die Themen einsteigen, die dich wirklich interessieren. Übrigens, auch du kannst eine Personal Map erstellen und mit deinen Mitarbeitern teilen. Auch sie werden dich vermutlich nicht kennen und sind eventuell neugierig.“

Anna klappte ihr Notizbuch zu und verstaute es in der Tasche. Zufrieden lehnte sie sich zurück.

„Wie heißt es so schön: Inspect and Adapt. Ich probiere das jetzt einfach aus und schaue, wie es funktioniert. Ich werde mir jetzt aber nicht weiter das Hirn zermartern, sondern einfach mal machen. Sag… hast du noch weitere Anregungen für mich?“

Ich lachte. „Sachte, sachte, probiere doch erstmal eine Idee aus. Ich habe noch jede Menge Methoden, Tipps und Tricks auf Lager. Aber lass uns doch Schritt für Schritt sehen, welche Herausforderung gerade vor dir liegt. If all you have is a hammer, every problem looks like a nail. Wir können uns gerne regelmäßig treffen – ich möchte schließlich auch wissen, welche Erfahrungen du mit der Personal Map machst.“

Während wir unsere Cafés austranken, tauschten wir Neuigkeiten zu unseren gemeinsamen Kollegen aus. Weißt du noch, der Heiner… Anschließend verabschiedeten wir uns und traten wieder hinaus in den Nieselregen. Diesmal bemerkte ich ihn allerdings gar nicht. Ich liebte es einfach, Probleme zu lösen oder anderen dabei zu helfen, Probleme zu lösen.

Fußnote:

Dieser Artikel ist ein Kapitel meines Buches „Project Leadership – Mit Führungs- und Sozialkompetenz zu Spaß und Erfolg im Projekt“. Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, können Sie das vollständige Buch hier kostenlos herunterladen oder bei Amazon für den Kindle finden.

 

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