Project Leadership

Mittelmäßige Mitarbeiter im Team – was tun?

Stephan freute sich. Er war am Abend mit Anna verabredet. Sie hatten sich das Centro Cultural Gallego ausgesucht und Stephan schwelgte in Erinnerungen. Es brauchte doch gar nicht so viel, um glücklich zu sein: Ein wenig Manchego, ein wenig Jamon de Bellota, ein wenig Rotwein, ganz viel blauer Himmel und gute Gesellschaft – fertig! Er war sich nicht sicher, ob der blaue Himmel bis zum Abend halten würde, aber der Rest sollte passen.

Einige Stunden später betrat er das Centro. Wie üblich war es gut gefüllt und alle möglichen Sprachen erfüllten den Raum. Anna erwartete ihn im ersten Stock, hier war es nicht ganz so wuselig und es gab zumindest die Chance auf eine intensive Unterhaltung. Nach der Begrüßung fragte ihn Anna, ob er noch einen Blick in die Karte werfen wolle.

„Nicht nötig. Ich weiß schon, was ich nehme. Ich freue mich schon den ganzen Tag auf das Essen!“

Nachdem beide bestellt hatten, berichtete Stephan vom Geburtstag seines Sohnes. Er war schon Wochen vor dem großen Tag aufgeregt gewesen und malte sich jedes Detail aus. Auch wenn der eigentliche Geburtstag dann etwas anders abgelaufen war, war Stephans Sohn glücklich und zufrieden.

„Anna, jetzt mal ehrlich. Du wolltest dich bestimmt nicht den ganzen Abend über Kindergeburtstage unterhalten. Was brennt dir unter den Nägeln?“

„Och… eigentlich finde ich deine Berichte ganz amüsant. Sie sind ein schönes Beispiel, dass es auch außerhalb der Arbeit Dinge gibt, die wichtig sind. Und für deinen Sohn waren sie offensichtlich nicht nur wichtig, sondern auch dringend.“

Stephan lachte: „Oh ja, sogar sehr dringend. Er zählte die Tage rückwärts.“

„Es gibt allerdings tatsächlich ein weiteres Thema, über das ich mit dir sprechen möchte. Einer meiner Mitarbeiter, Marco, arbeitet nicht so, wie ich mir das vorstelle. Ich überlege jetzt schon einige Tage, was ich mit ihm mache, und kann mich nicht so recht entscheiden.“

Stephan runzelte die Stirn: „Was meinst du denn mit ‘nicht so, wie du es dir vorstellst’? Arbeite er unkonventionell? Oder bist du mit den Arbeitsergebnissen nicht zufrieden?“

„Nee, das ist ja das Problem. Was er macht ist schon okay, da gibt es wenig dran auszusetzen. Es ist mehr… seine Einstellung. Er schleppt sich mit einem Gesicht zur Arbeit, als ob alle Last der Welt auf seinen Schultern ruht. In seinem Team übernimmt er nie freiwillig Aufgaben, seine Kollegen müssen ihn quasi nötigen – was er mit einem Seufzer quittiert. Dazu kommt, dass er unsere Ziele für falsch hält und jedem, der es hören will, einen Vortrag hält, warum wir unsere Ziele nicht erreichen können.“

Stephan überlegte einen Moment: „Und was ist jetzt das Problem? Das Ergebnis stimmt doch.“

Anna schaute Stephan empört an: „Na hör mal! Der zieht doch mein ganzes Team runter! Auf einmal habe ich nicht nur einen, der meckert, sondern 10!“

Stephan lachte: „Ist ja gut… ich wollte dich nur ein wenig provozieren. Also, die Arbeitsergebnisse von Marco sind in Ordnung?“

„Ja, das passt. Nicht überragend, aber kein Grund zur Beanstandung.“

„Okay, du machst dir also Gedanken auf Grund seiner Einstellung. Warum macht dir seine Einstellung Sorgen? Was befürchtest du?“

Jetzt überlegte Anna einen Moment: „Nun, es sind zwei Dinge. Erstens habe ich die Befürchtung, dass meine guten Leute mehr arbeiten, um seinen Unwillen auszugleichen. Ja, das Team fordert ihn auf, Aufgaben zu übernehmen. Aber machen sie das immer? Oder kommen sie auch an den Punkt, wo sie sagen ‘ach komm, bevor ich mit Marco diskutiere, mache ich es schnell selber’. Zweitens habe ich Angst, dass sein Nörgeln ansteckend ist und auf einmal noch mehr Leute auf der Bremse stehen.“

Stephan nickte: „Das kann ich gut nachvollziehen. Jetzt hast du ja schon einige Tage nachgedacht. Welche Maßnahmen hast du denn momentan im Kopf?“

„Ach relativ einfach. Ich mache nix und lasse ihn gewähren oder ich schmeiße ihn aus dem Team raus. Nur, so richtig wohl fühle ich mich mit keiner dieser Varianten. Bei der ersten Variante fühle ich mich, als ob ich sehenden Auges auf eine Wand zu renne und nur auf den Aufschlag warte. Variante zwei ist so… extrem… vielleicht tue ich Marco ja auch Unrecht?“

„Nun, ich teile deine zwei Punkte. Nichts tun ist tatsächlich keine Option. Zu den von dir bereits genannten Gründen möchte ich noch hinzufügen, dass auch dein Verhalten von deinen Mitarbeitern beobachtet wird. Wie gehst du mit unmotivierten Mitarbeitern um? Sanktionierst du ihr Verhalten? Unterstützt du sie? Insofern hat dein Verhalten nicht nur Auswirkungen auf die aktuelle Situation, sondern auch darüber hinaus. Marco aus dem Team zu nehmen ist sicherlich die ultima ratio, auch hier gebe ich dir Recht. Also ist die Frage doch eher, welche anderen Maßnahmen du ergreifen kannst.“

Anna schmunzelte: „Greifen wir zum äußersten: sprechen wir miteinander!“

Stephan nickte: „Man mag es nicht glauben, aber oft hilft ‘Sprechen’ tatsächlich… Wie würdest du dieses Gespräch also angehen?“

Anna überlegte einen Moment: „Nun, Ich könnte ja einige Anleihen aus Feedbackgesprächen nehmen. Ich beginne damit, was ich beobachte. Dann ergänze ich, wie ich mich dabei fühle bzw. welche Konsequenzen für das Team ich befürchte. Ich mache deutlich, dass ‘irgendeine’ Veränderung passieren muss. Idealerweise kann Marco dann die Gründe für sein Verhalten erläutern und wir können gemeinsam nach Lösungen suchen.“

„Ja, das klingt wie eine gute Idee. An einer Stelle möchte ich dir noch einen Hinweis geben. Du sagst Marco, dass du eine Veränderung erwartest. Das ist natürlich richtig, damit setzt du ihn allerdings unter Zugzwang. Alternativ könntest du nach der Schilderung deiner Beobachtung Marco auch direkt fragen, welche Wirkung sein Verhalten auf das Team und dich vermutlich hat. Wenn er in der Lage ist, sein Verhalten zu reflektieren, sieht er eventuell selber, welche Probleme er verursacht. Vielleicht hörst du aber auch nur Vorwände, warum er genau so handeln muss. Was ich damit nur sagen möchte: Bei der einen Variante möchtest du, dass er sich ändert. Bei der anderen Variante möchte er selbst, dass er sich ändert.“

Anna wirkte nachdenklich: „Guter Punkt. Also Schritt 1: Er erkennt selber, dass eine Änderung notwendig ist. Schritt 2: Ich mache deutlich, dass ich eine Änderung erwarte. Schritt 3: Ich führe die Änderung selber herbei… und entferne ihn aus dem Team. So weit, so gut. Das Ganze natürlich unter der Annahme, dass wir die Gründe, die zu seinem unmotivierten Verhalten führen, auch selber verändern können. Manche Dinge liegen ja auch schlicht außerhalb unserer Kontrolle.“

Anna schwieg eine Weile. Stephan beobachtete sie aufmerksam. Schließlich fuhr Anna fort: „Eigentlich habe ich gar keine Lust auf diese Gespräche. Die werden einfach nur anstrengend. Ich bin ernsthaft am Überlegen, einfach nichts zu machen. Früher oder später wird sich das Problem schon von alleine erledigen.“

Stephan schüttelte den Kopf: „Diese Art von Problemen erledigen sich nie von alleine. Sie werden immer nur größer und größer. Ich zeige dir mal ein Bild.“

Stephan kritzelte eine Skizze auf ein Stück Papier und schob es über den Tisch zu Anna. Anna fiel vor Lachen fast das Weinglas aus der Hand als sie das Kunstwerk sah.

„Gut, dass du dein Geld nicht mit Kunst verdienst. Du würdest vermutlich unter einer Brücke wohnen. Also, was ist das und was willst du mir damit sagen?“

Stephan schmollte: „Sooo schlimm ist es jetzt auch nicht. Wie du leicht erkennen kannst, handelt es sich um einen Wagen und drei Menschen. Einer zieht den Wagen vorwärts, einer sitzt auf dem Wagen und einer bremst den Wagen.“

Anna schaute sich die Skizze noch einmal an: „Nun, mit etwas Phantasie und deiner Erläuterung kann ich diese Elemente wiederfinden. Und was hat das jetzt mit Marco zu tun?“

„Das Ganze illustriert die Theorie der A-, B- und C-Mitarbeiter. Der Wagen ist dein Projekt oder das Ziel deines Teams. Die A-Mitarbeiter ziehen den Wagen. Sie bringen dein Projekt weiter, sie helfen dem Team, die Ziele zu erreichen. B-Mitarbeiter sitzen auf dem Wagen, d.h. sie machen irgendwie im Projekt mit, aber bringen es nicht wirklich voran. Eigentlich ist es egal, ob sie da sind oder nicht. C-Mitarbeiter bremsen den Wagen. Sie hindern dich aktiv an der Erreichung der Ziele. Sie handeln destruktiv und zersetzend.“

Annas Miene hellte sich auf: „Ah, also muss ich C-Mitarbeiter loswerden, weil sie mich bremsen. Momentan schätze ich Marco als C-Mitarbeiter ein. Ergo muss ich ihn entweder zu einem B-Mitarbeiter machen oder ein anderes Thema für ihn finden.“

Stephan schüttelte den Kopf: „Nicht ganz. Du willst in deinem Team nur A-Mitarbeiter haben. Nur A-Mitarbeiter bringen dich weiter. Warum solltest du dich mit Mitarbeitern beschäftigen, die euch bei der Erreichung der Ziele nicht unterstützen?“

Anna schaute überrascht: „Nun, weil sie halt da sind… Es gibt ja nicht nur die Überflieger, die alles können… manche sind Berufseinsteiger, manche sind neu im Thema der App-Entwicklung… ich habe halt nicht nur Cracks!“

Stephan nickte: „Absolut. Ich habe ein wichtiges Detail nicht erwähnt: Die Klassifizierung der A-, B- und C-Mitarbeiter bezieht sich nur auf die Einstellung und Motivation der Mitarbeiter. Skills kann man lernen. Das ist nur eine Frage der Zeit. Ein motivierter Mitarbeiter wird eine neue Technologie in Nullkommanix lernen. Jemand, der keinen Bock hat, wird eine neue Technologie auch nach Jahren nicht gelernt haben. Also, du suchst Mitarbeiter, die für das Thema brennen. Insofern ist Marco ein schönes Beispiel. Seine Arbeitsergebnisse sind in Ordnung, er hat die notwendigen Fähigkeiten und die Erfahrung. Seine Einstellung passt nicht.“

„Verstehe. Und ja, für den anderen Fall habe ich auch ein schönes Beispiel. Martin wollte vor einigen Monaten in unser Team wechseln. Wir waren sehr skeptisch, weil er keinerlei relevante Erfahrung hatte. Er hat uns quasi auf Knien angefleht, weil er unsere Arbeit so toll fand. Wir haben ihn schließlich genommen und inzwischen ist er eine echte Stütze des Teams. Wir sind total überrascht und möchten ihn nicht mehr missen.“

Anna griff zur Weinflasche und goss Stephan noch ein Glas ein: „Danke dir. Wie immer ist es ein Vergnügen und eine Bereicherung, mit dir zu sprechen. Dieses Glas hast du dir redlich verdient!“

Stephan lachte: „Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer einer weiteren Ración Schinken!“

Fußnote:

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