Project Leadership

Akzeptanzkriterien für eine Vision

Anna rief mich einige Wochen später an.

„Du hattest Recht“ waren ihre ersten Worte. „Ich komme gerade aus unserem Teammeeting und wir haben die nette Übung mit den Post-Its und der Vision gemacht. Ich kann nur staunen… Da war wirklich alles dabei. Magst du ein paar Highlights hören?“

Anna wartete die Antwort nicht ab. „‘Gewinn maximieren‘ oder ‚Chef glücklich machen‘ war dabei, oder auch ‚Kunden begeistern‘. Glücklicherweise waren auch relativ viele Beiträge dabei, die dem Kern der Sache nahekommen – aber alle etwas unterschiedlich waren. Insofern haben wir da noch etwas Arbeit vor uns“ seufzte Anna.

„Also – wie komme ich zu einer gemeinsamen Vision? Alle Mann in einen Raum und eine gemeinsame Brainstorming Session?“

Ich schmunzelte. „Das ist sicherlich ein möglicher Weg. Aus meiner Sicht allerdings nicht unbedingt der Beste. Bevor wir uns der Frage ‚wie erstelle ich eine Vision“ widmen, würde ich gerne noch zwei andere Dinge klären. ‚Warum brauchst du eine Vision‘ und ‚woher weißt du, ob deine Vision gut ist.‘„

„Na, die erste Frage ist leicht zu beantworten. Ich möchte, dass mein Team in die gleiche Richtung läuft. Ich möchte, dass wir alle das gleiche Ziel verfolgen.“

„Genau“ erwiderte ich, „das ist der Klassiker. Gerade wenn wir über selbstorganisierte Teams sprechen, ist es extrem wichtig, dass die Teams wissen, in welche Richtung sie laufen sollen. Wir wollen ja Selbstorganisation und keine Anarchie. Es gibt noch einen weiteren Grund, warum eine Vision sinnvoll ist.“

Anna überlegte einen Moment. „Hilf mir mal auf die Sprünge.“

„Eine Vision kann auch zur Motivation des Teams beitragen. Genau dann nämlich, wenn sie den Sinn der Arbeit vermittelt. Warum stehst du eigentlich jeden Tag auf? Warum solltest du die Extra-Meile gehen, um eine Deadline einzuhalten? Warum verbringst du den halben Sonntag beim Go-Live und nicht bei Freunden oder Familie? Weil es der Chef anordnet oder weil du es willst?“

„Uih… genial. So habe ich noch nie darüber nachgedacht. Aber klar, wenn ich mich mit meiner Arbeit identifiziere, wenn ich die Ziele des Unternehmens oder des Teams zu meinen eigenen mache, dann habe ich eine ganz andere Motivation. Okay“ drängelte Anna, „damit ist doch das ‚warum‘ geklärt. Jetzt die Frage, was eine ‚gute‘ Vision ist.“

„Jep“ nickte ich, „denk mal ein paar Minuten oder auch Stunden darüber nach und wir treffen uns morgen früh im Café Siesmayer im Palmengarten.“

„Och nö“ schmollte Anna, „immer wenn’s spannend wird, vertröstest du mich“.

„Nee. Ich möchte dir nur Gelegenheit geben, zuerst alleine zu denken und anschließend gemeinsam zu reflektieren. Also, bis morgen um 9:00 Uhr“. Mit diesen Worten legte ich auf.


Ich war kurz vor 9 im Café und wunderte mich wieder einmal, wie viele Menschen an einem Wochentag Zeit hatten, in einem Café zu sitzen. Aber gut, ich machte ja genau das gleiche. Kurze Zeit später betrat Anna das Café und steuerte zielstrebig auf mich zu.

„Guten Morgen, liebe Anna“ begrüßte ich Sie mit einem Lächeln.

„Spar dir den guten Morgen und das ganze Gedöns. Dir verdanke ich eine schlaflose Nacht.“

Ich schaute sie fragend an.

„Na, deine kleine Aufgabe. ‚Was ist eine gute Vision‘. So klein ist die Aufgabe gar nicht. Ich habe mir gedacht, dass dies ja eigentlich Akzeptanzkriterien sind – wann weiß ich, dass ich fertig bin.“

Ich nickte zustimmend. „So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Aber ich verstehe deinen Ansatz und glaube, dass er hier gut passt.“

Anna fuhr fort: „Meine ersten Gedanken gingen in die Richtung, die Vision SMART zu formulieren – genau wie ein Ziel. Aber dann fragte ich mich, ob dies für eine Vision überhaupt machbar und sinnvoll ist. Woher weiß ich denn, wann ich sie erreichen kann? Wie auch immer, ich habe ein paar Stichpunkte aufgeschrieben, was aus meiner Sicht eine gute Vision ausmacht.“

Anna schlug ihr Notizbuch auf und zeigte mir das Ergebnis ihrer Überlegungen.

Ich überflog ihre Stichpunkte: „Das sieht doch für den Anfang sehr gut aus. Erzähl mir doch bitte noch, was sich hinter den Stichpunkten verbirgt.“

„Eine Vision sollte einfach zu verstehen sein. Jeder in meinem Team muss sie verstehen – schließlich sollen sie ihr Handeln an der Vision ausrichten. Wenn da nur Marketing-Blah-Blah steht, das sich toll anhört, aber niemand versteht, hilft es mir nix. In die gleiche Richtung geht der Punk einprägsam – wir müssen uns die Vision auch merken können. Sie muss immer im Kopf verankert sein. Niemand sucht erst in Emails nach der Vision, wenn er eine Entscheidung trifft.“

Anna hielt einen Moment inne und trank einen Schluck ihres Cappucinos. „Diesen beiden Eigenschaften adressieren den Punkt ‚Richtung‘. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob eine Vision auch präzise sein sollte oder eher etwas vage. Letztendlich denke ich aber, dass sie präzise sein sollte – wir wollen ja auch wissen, wann wir unsere Vision erreicht haben. ‚Pocken auf der Welt ausrotten‘ mag eine sehr ambitionierte Vision sein, aber wir wissen genau, wenn wir es geschafft haben.“

„Kommen wir zu dem Punkt ‚Motivation‘ – eine Vision sollte inspirierend sein. Sie muss nicht jeden inspirieren, aber die Leute, die mit mir an der Erreichung der Vision arbeiten, sollten dafür brennen. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob die Leute zu mir ins Team kommen, weil sie die Vision so geil finden, oder ob sie schon im Team sind und jetzt noch die Vision toll finden müssen…“

Ich zuckte mit den Schultern. „Vermutlich eine Mischung aus Beidem. Mittel- und langfristig werden sich genau die Mitarbeiter in deinem Team finden, welche die Vision teilen und zur Erreichung beitragen wollen. Alle anderen werden sich entweder selbst umorientieren oder du gibst ihnen einen kleinen Schubser.“

„Ich habe noch zwei Ergänzungen, die beide auf den Punkt Motivation einzahlen. Die Vision sollte glaubwürdig sein, d.h. zu deinem bisherigen Verhalten passen. ‚Innovation‘ in einer Vision ist nicht glaubwürdig, wenn Innovationen grundsätzlich erst umgesetzt werden, wenn es nicht länger vermeidbar ist. ‚Kundenorientierung‘ wirkt nicht glaubwürdig, wenn der Nutzen für das eigene Unternehmen immer wichtiger ist als der Kundennutzen.“

Anna nickte zustimmend. „Ja, das verstehe ich.“

Ich fuhr fort: „Schließlich sollte eine Vision auch geteilt sein. Damit meine ich zweierlei: Erstens sollte die Vision schlicht bekannt sein – so manche Unternehmensvision verschwindet in der Schublade und ist nur den Geschäftsführern bekannt. Dann kann sie nicht zur Orientierung und Motivation beitragen. Zweitens sollte sie auch inhaltlich mitgetragen werden – ansonsten orientieren sich die Mitarbeiter in ihrem Handeln nicht an der Vision.“

„Auch das kann ich nachvollziehen“ stimmte Anna mir zu. „Warte, ich ergänze die zwei Punkte gerade mal auf meiner Skizze“.

„Sehr gut. Jetzt weiß ich, wann ich mit der Vision fertig bin – aber wie fange ich an?“

Ich wiegte den Kopf. „Darauf gibt es keine einfache Antwort. Hast du etwas Zeit mitgebracht?“

Fußnote:

Dieser Artikel ist ein Kapitel meines Buches „Project Leadership – Mit Führungs- und Sozialkompetenz zu Spaß und Erfolg im Projekt“. Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, können Sie das vollständige Buch hier kostenlos herunterladen oder bei Amazon für den Kindle finden.

 

4 Gedanken zu „Akzeptanzkriterien für eine Vision

  1. Hallo Nico,
    Dein Blog und die enthaltenen Themen passen hervorragend zu meinen neuen Aufgaben. Danke für den regelmäßigen Input und die Denkanstöße.
    Viel Erfolg weiterhin
    Yvonne

    1. Hallo Nico,
      Ich finde es grundsätzlich gut, dass du versuchst die Inhalte über eine Erzählung darzustellen. Bitte pass aber auf, dass Stephan nicht permanent die Patentlösungen hat, das macht den Charakter glatt und macht es mir und ggf. anderen schwer mich mit ihm zu identifizieren. Vielleicht hat ja auch Anna mal recht und das hätte eine frühere Situation von Stephan geschickt gelöst, die er nicht so perfekt gelöst hat. Kennst du „the big five for life“? Hier habe ich dieses Problem mit Thomas. Sein handeln wird zu perfekt dargestellt, ansonsten finde ich das Buch Weltklasse.
      Bezüglich Vision fehlen mir in deinem Draft Beispiele bei denen dann diskutiert wird welche Variante hilft, um ein Team zu steuern. Ich habe beim Thema Vision immer Festgestellt, dass das Konzept „Vision“ für viele Abstrakt ist. Daher würde ich hier versuchen gute und weniger gute Varianten zu Annas Situation zu diskutieren.
      Viele Grüsse

      Arne

      1. Hallo Arne,
        vielen Dank für dein Feedback! Der Hinweis mit dem „glatten Charakter“ ist gut, danke hierfür. Ich werde versuchen, ihn bei den nächsten Kapiteln zu berücksichtigen!
        Viele Grüße,
        Nico

Schreibe einen Kommentar zu Yvonne Simon Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.