Project Leadership

Die Vertrauensformel – wie du gezielt Vertrauen aufbaust

Wenn du im Team arbeitest, ist Vertrauen oft die Basis jeglicher Aktivitäten. Feedback, Delegation, Motivation… all das funktioniert deutlich besser, wenn es ein hohes Maß an Vertrauen innerhalb des Teams gibt. Ich habe auch schon einmal einen Artikel geschrieben, wie du Vertrauen aufbaust. Aber irgendwie war ich unzufrieden… das Thema war mir zu fluffy, hatte zu wenig Struktur.

Glücklicherweise bin ich vor kurzem über ein Buch in meinem Fundus gestolpert: The Trusted Advisor. Wenn du Berater bist, solltest du das Buch unbedingt lesen. Wenn nicht, pick dir die relevanten Kapitel raus und adaptiere das Gesagte. Zentrales Element ist die Vertrauensformel. Meister und Co haben eine Struktur entwickelt, wie du die Intensität der Vertrauenswürdigkeit mit Hilfe einzelner Elemente ermitteln kannst.

Was ist mit den einzelnen Elementen gemeint und wie kannst du sie beeinflussen?

Glaubwürdigkeit

Bei der Glaubwürdigkeit geht es im Kern um die Dinge, die du sagst. Ich kann unser Team erfolgreich durch diese schwierige Projektphase führen. Wieso kannst du das? Hast du das gelernt? Hast du das schon mal gemacht? Gibt es jemanden, der das bezeugen kann? Unsere Kunden verlangen Feature XYZ. Woher weißt du das? Mit welchen Kunden hast du gesprochen? Hast du eine Umfrage durchgeführt? Gibt es Mitbewerber, die das Feature umgesetzt haben?

Wie kannst du nun einen hohen Wert bei Glaubwürdigkeit erreichen? Nun, hier sind einige Ideen:

  • Du sollst nicht lügen. Aufschneider und Blender werden früher oder später als genau das entlarvt. Sei aufrichtig.
  • Deine Mitarbeiter und Kollegen kennen dich bereits. Sie wissen, was du kannst. Sie wissen, wie du arbeitest. Sie können die Glaubwürdigkeit deiner Aussagen aus eigener Erfahrung einschätzen.
  • Zeugenaussagen: Peter Müller hat im letzten Projekt mit dir zusammengearbeitet. Er berichtet (bezeugt), dass du das Team durch eine schwierige Phase geführt hast. Zeugenaussagen funktionieren um so besser, je höher die Glaubwürdigkeit des Zeugen ist.
  • Zertifizierungen & Zeugnisse: Zertifizierungen funktionieren analog Zeugenaussagen, allerdings nicht persönlich, sondern organisatorisch. Die Organisation ScrumAlliance bezeugt mit Hilfe des Zertifikats „certified scrum product owner“, dass ich grundlegende Kenntnisse als PO habe. Die TU Braunschweig bestätigt mit einem Diplom, dass ich mich einige Jahre mit BWL, Informationsmanagement und Wasserbau beschäftigt habe. Auch hier spielt die Glaubwürdigkeit der zertifizierenden Organisation eine große Rolle.

Die Glaubwürdigkeit einer Person lässt sich recht schnell überprüfen, insofern ist dies ein Element, bei dem du recht schnell hohe Werte erzielen kannst.

Verlässlichkeit

Bei der Verlässlichkeit geht es im Kern um Dinge, die du tust. Ich werde heute eine Email an Herrn Müller schreiben. Heute? Es ist doch schon 17:00 Uhr und du packst bereits deine Sachen? Unser Jour Fixe findet alle 2 Wochen statt. Jaja… bis jetzt ist noch immer etwas Wichtigeres dazwischengekommen. Nächstes Jahr bekommst du eine Gehaltserhöhung. Ich würde mich freuen… aber du kannst gar nicht alleine über das Gehalt bestimmen.

Wie kannst du einen hohen Wert bei Verlässlichkeit erreichen?

  • Tu, was du sagst. Es ist so einfach, oder? Vielleicht noch ein paar Ergänzungen: Es hilft, wenn du dir voreiner Zusage darüber im Klaren bist, was die Zusage an Arbeit für dich bedeutet und ob du das leisten kannst (erst sammeln, dann stammeln oder etwas vornehmer erst denken, dann reden). Dies kann auch bedeuten, Nein zu sagen und / oder eine Alternative vorzuschlagen. Falls du deine Zusage nicht einhalten kannst, sprich es offen an. Warte nicht darauf, dass dein Mitarbeiter feststellt, dass du nicht zum Jour Fixe erschienen bist, sondern sprich es an.
  • Zeugenaussagen helfen auch bei Verlässlichkeit, hier gilt das oben gesagte.

Es ist schwierig, die Verlässlichkeit einer Person vorab einzuschätzen, aber sie zeigt sich recht schnell in der täglichen Arbeit.

Vertrautheit

Im Kern geht es bei Vertrautheit darum, wie sich andere mit dir fühlen. Kann ich mich mit dir über die Auseinandersetzung mit Frau Meier unterhalten?Interessiert dich das überhaupt? Wirst du mein Problem verstehen? Ergreifst du Partei? Kann ich mich mit dir auch über Strategieentwicklung unterhalten? Eigentlich kenne ich dich als Projektleiter – ob du mir auch beim Thema Strategie helfen kannst? Behältst du vertrauliche Informationen für dich? Kann ich dir sagen, dass ich mich gerade nicht auf die Arbeit konzentrieren kann, weil meine Mutter gestorben ist?Hast du dafür Verständnis? Interessiert dich das? Kannst du mir helfen?

Wie kannst du einen hohen Wert bei Vertrautheit erreichen?

  • All business is personal. Wir sind keine Maschinen. Also sorge einerseits dafür, dass du deine Mitarbeiter auch auf einer persönlichen Ebene kennst. Wo wohnen sie? Haben sie einen Partner / Kinder? Was beschäftigt sie nach der Arbeit? Was haben sie vor der aktuellen Arbeit gemacht? Sorge andererseits dafür, dass deine Mitarbeiter erkennen, dass du nicht nur Chef, sondern auch Mensch bist. Teile deine Lebenssituation, Ziele, Hobbys mit deinen Mitarbeitern (und auch deinem Chef).
  • In verteilten Teams: Räume dem „unproduktiven Geschwätz“ explizit Zeit ein. Was üblicherweise fast automatisch beim Café oder Lunch passiert, musst du in verteilten Teams explizit veranlassen.
  • Gehe ins Risiko bzw. in Vorleistung. Für die meisten Menschen fühlt es sich komisch an, fremden Leuten etwas über Wochenendaktivitäten oder die Familie zu erzählen. Überwinde dich – erst ich ein Stück, dann du…

Vertrautheit entsteht nicht sofort und auch nicht zwingend automatisch. Du kannst und solltest aktiv daran arbeiten, Vertrautheit zügig und umfassend aufzubauen.

Selbstorientierung

Denkst du in Gesprächen in erster Linie an dich selbst oder an dein Gegenüber, das Team, das Unternehmen? Orientieren sich deine Handlungen daran, was dir selbst nutzt oder deinem Gegenüber, deinem Team, deinem Unternehmen? Kann ich dir meine Idee erzählen? Oder verkaufst du sie dann als deine Eigene? Soll ich wirklich nicht die Abteilung wechseln? Oder hat er das nur erzählt, weil er einen guten Mitarbeiter nicht verlieren möchte?

Wie kannst du einen niedrigen Wert bei Selbstorientierung erreichen?

  • Check your ego at the door. Fast jeder hat eine narzisstische Ader. Wir lieben es, über uns und unsere Erfolge zu sprechen. Tu es nicht. Gib deinem Gegenüber den Raum.
  • Höre zu. Ja, es wird dir schwerfallen, den Mund zu halten, aber höre zu.
  • Schließe nicht von dir auf Andere. Vielleicht warst du schon einmal in einer ähnlichen Situation wie dein Mitarbeiter. Aber was bei dir funktioniert hat, muss nicht zwingend die beste Lösung für deinen Mitarbeiter sein.
  • Gib deinem Gegenüber das Gefühl, dass es aktuell nichts Wichtigeres gibt als ihn und seine Themen. Volle Aufmerksamkeit. Keine Anrufe. Kein Blick auf die Uhr.

Andere merken recht schnell, wie hoch oder niedrig deine Selbstorientierung ist und die Einschätzung verändert sich im Laufe der Zeit auch nicht (sofern du dein Verhalten / deine Einstellung nicht änderst).

Fazit

Wenn du dich bereits mit der Thematik „Vertrauen“ beschäftigt hast, sind dir die Punkte Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit sicherlich bekannt. Daher komme ich direkt zum springenden Punkt:

  • Die Aktivitäten, die notwendig sind, um Vertrautheit zu entwickeln, haben nichts mit dem üblichen Verständnis von „Arbeit“ zu tun. „Arbeiten“ wir, wenn wir uns über das letzte Wochenende austauschen? „Arbeiten“ wir, wenn wir beim Mittagessen über den letzten Bundeligaspieltag philosophieren? „Arbeiten“ wir, wenn wir uns während der ersten 5 Minuten einer Videokonferenz über die Einschulungsfeier freuen? Vielleicht nicht – aber es erleichtert die Arbeit enorm.
  • Hat eine niedrige Selbstorientierung etwas mit Arbeit zu tun? Mit Qualifikation, Kompetenz, Erfahrung? Nein, es ist eher eine Frage der Einstellung, des Mindsets. Und dennoch hat unsere Einstellung einen enormen Einfluss auf unsere Arbeit.

Insofern wag dich doch direkt an die schwierigen Punkte ran und erzähl mir von deinen Erfolgen und Erfahrungen!

Zu guter Letzt…

Eine Bitte

Hat dir dieser Artikel gefallen? Dann leite ihn an Freunde und Kollegen weiter, die ebenfalls von dem Artikel profitieren können.

Ein Hinweis

Willst du regelmäßig food-for-thought erhalten? Dann melde dich doch einfach für meinen Newsletter an, den ich einmal pro Monat verschicke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.