Project Leadership

Helfen Sie Ihren Mitarbeitern, den Sinn in ihrer täglichen Arbeit zu finden

Das nächste Treffen mit Anna war eher ein Zufall – wir begegneten uns, während wir auf den Zug warteten. Anna berichtete von ihren Erfolgen mit der Anwendung ihrer Vision. Sie erzählte, dass sie im Team verabredet hatten, dass in jedem Teammeeting ein Kollege von einem Beispiel erzählt, wie er die Vision zum Leben erweckt. Damit sei die Vision immer präsent, die Anwendung praktisch belegt und gleichzeitig sehr vielfältig.  

„Ach, an einer Stelle könnte ich allerdings eine zweite Meinung gebrauchen“ stellte Anna fest. „Einer meiner Mitarbeiter, Jan, hat mir gesagt, dass er die Idee der Vision toll findet – er aber die Vision nicht teilt. Bei ihm hat es dazu geführt, dass er sich Gedanken gemacht hat, welche Dinge ihn antreiben und wie eine Vision aussehen müsste, die er teilt. Bis jetzt ist er allerdings zu keinem Ergebnis gekommen und hat mich daher um Rat gebeten.“

Ich nickte „Ihr scheint ein echtes Vertrauensverhältnis zu haben, dass er dich mit diesem Thema anspricht. Das ist nicht selbstverständlich.“

„Ja, ich war selbst überrascht“ erwiderte Anna. „Aber was mache ich jetzt? Ich habe mir grob folgende Strategie überlegt und mich würde deine Sicht hierzu interessieren. Es geht bei der Frage von Jan ja nicht um mich und meine Vision für unsere Teams, sondern es geht um ihn. Insofern würde ich meine Weltsicht eher zurückhalten und versuchen, ihm zu helfen, seine Weltsicht zu entdecken. In einer Schulung habe ich vor einiger Zeit das Konzept „Ikigai“ kennengelernt. Es geht im Kern um die Beantwortung der vier Fragen ‘was du liebst’, ‘was du gut kannst’, ‘wofür du bezahlt wirst’ und ‘was die Welt von dir braucht’. Wenn Jan diese Fragen beantworten kann, müsste er doch auch seine eigene Bestimmung kennen, oder?“

Ich musste ein sehr skeptisches Gesicht gemacht haben, denn Anna fragte sofort „Nicht gut? Hast du eine andere Idee?“

„Ja und nein. Ich kenne das Konzept auch und finde es grundsätzlich gut. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass es nicht unbedingt eingängig ist. Menschen müssen sich eine ganze Weile damit beschäftigen und darüber nachdenken, bevor sie den Wert erkennen. Insofern besteht ein gewisses Risiko, dass Jan das Konzept als ‘esoterisch’ ablehnt, ohne sich damit zu beschäftigen.“

Anna überlegte einen Moment und stimmte mir dann zu. „Ja, du hast vermutlich Recht. Das passt so gar nicht in Jans Weltbild. Und nun? Das Konzept ist ja nicht falsch, aber wie kann ich es anders vermitteln?“

„Vielleicht lässt du das Bild weg und stellst ihm einfach Fragen? Es geht ja nur darum, dass sich Jan mit diesen Fragen auseinandersetzt.“

„Hey, hier kommt mein Zug… ich muss los. Danke für die Anregung, ich melde mich bei dir.“

Ein paar Tage später schickte mir Anna eine Email mit vier Leitfragen. 

  • Was macht dir Freude? Wenn du an eine typische Woche denkst, worauf freust du dich? Was hat dir bei früheren Tätigkeiten Freude bereitet, was dir jetzt fehlt?
  • Was kannst du gut? Welche Aufgaben übernimmst du, weil du der Meinung bist, dass du die beste Person für die Aufgabe bist? Für welche Tätigkeiten wurdest du im Laufe deiner Karriere beachtet / gelobt? 
  • Was erscheint dir am nützlichsten? Auf welche Ergebnisse deiner Arbeit bist du Stolz? Welche deiner Tätigkeiten sind am wertvollsten für dein Team und/oder das Unternehmen?
  • Mit welchen Tätigkeiten baust du Momentum auf? Wie helfen dir deine heutigen Aufgaben, deine Ziele zu erreichen?

Kurz danach klingelte schon mein Telefon. 

„Du wirst es nicht glauben!“ begann Anna das Gespräch. „Ich habe Jan diese Fragen mit auf den Weg gegeben. Ein paar Tage später stand er strahlend bei mir in der Tür und sagte, dass er unbedingt im Team bleiben wolle. Die Fragen hätten ihm Klarheit gegeben, dass er bei uns im Team sowohl seine persönlichen Vorstellungen verwirklichen kann als auch an der Erreichung der Vision arbeiten kann. Beides würde sich nicht ausschließen, sondern wunderbar ergänzen.“

Anna machte eine kurze Pause. „Danke dir.“

Ich lachte „Ehre wem Ehre gebührt, und in diesem Fall bist du diejenige, die das Problem im Sinne deines Mitarbeiters gelöst hast. Dass er jetzt im Team bleiben möchte, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Entscheidend ist aber, dass du nicht versucht hast, dein Problem zu lösen, sondern sein Problem.“

„Wie auch immer. Ich bin noch ganz euphorisch! Wenn sich nur alle Probleme so leicht lösen ließen… Wir sehen uns!“

Fußnote:

Dieser Artikel ist ein Kapitel meines Buches „Project Leadership – Mit Führungs- und Sozialkompetenz zu Spaß und Erfolg im Projekt“. Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, können Sie das vollständige Buch hier kostenlos herunterladen oder bei Amazon für den Kindle finden.

 

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