Management 3.0Project Leadership

Wie Sie es schaffen, Vertrauen aufzubauen

Stephan saß auf der Terrasse und genoss die warmen Sonnenstrahlen. Es war zwar erst April, dennoch wärmte die Sonne den Rücken. Stephan war gestern erst aus dem Urlaub zurückgekehrt, er hatte mit seiner Familie eine Woche Strandurlaub auf den Kanaren genossen. Sehnsüchtig dachte er an den Strand und das Meer. Dann holte ihn die Realität ein und er durchforstete die Emails, die während seines Urlaubs eingetroffen waren. Auch eine Email von Anna war dabei. Neugierig öffnete Stephan die Email. Wie erwartet: Anna bat zum Gespräch…

„Hallo Anna! Das ist aber ein ziemlich cooler Laden, den ihr hier habt!“ Stephan begrüßte Anna und schaute sich bewundernd im Büro um. Eine Mischung aus Start-Up und Konzern. Einerseits „Aquarien“ als Besprechungs- und Diskussionsräume inklusive Stehtische und Sitzsäcken, andererseits Großraumatmosphäre.

„Stephan, schön, dass wir uns endlich mal bei mir treffen. Ja, wir haben vor einigen Jahren umgebaut. Das Arbeitsumfeld prägt ja auch das Denken. Komm, ich habe uns den Glaskasten dahinten reserviert. Magst du einen Café?“

Stephan nickte „Ja, sehr gerne. Und wo sitzt du bzw. dein Team?“

„Wir sitzen eine Etage über uns. Aber die Besprechungsräume – und vor allem die Cafémaschine – sind hier.“

Anna und Stephan warteten auf ihren Café und schlenderten dann in den Glaskasten. „Du wirst es nicht glauben“ begann Anna das Gespräch, als sie angekommen waren, „ich habe heute gar kein Problem, über das wir sprechen könnten.“

Stephan lachte „Na, dann danke ich für den Café und mache mich auf den Weg.“

„Nee, so schnell entkommst du mir nicht. Erinnerst du dich noch an unser letztes Gespräch? Du warst überrascht, dass mich Jan mit seiner Frage nach dem Sinn der Arbeit angesprochen hat. Du sagtest, dass dies ein Vertrauensbeweis ist.“

Stephan nickte.

„Nun, ich habe mich in den letzten Wochen immer mal wieder mit der Frage auseinandergesetzt, wie Vertrauen eigentlich entsteht.“ Anna schmunzelte. „Und da ich dir vertraue, könnten wir uns ja mal gemeinsam diesem Thema widmen. Vielleicht hast du ja eine völlig andere Sicht auf die Dinge…“

Stephan überlegte einen Moment. „Ja, das ist wirklich ein interessantes Thema. Wie entsteht Vertrauen? Passiert das automatisch oder kann man Vertrauen auch erschaffen? Wie verliert man Vertrauen? Lass uns gerne gemeinsam nachdenken. Oder lass uns mit dem starten, was du schon im Kopf hast.“

Anna sprang auf, schnappte sich einen Stift, ging auf die Wand zu und wollte gerade anfangen, zu schreiben, als Stephan rief: „Stop! Da ist noch kein Papier!“

Anna drehte sich um und runzelte sie Stirn. „Stephan! Du bist in einem Start-Up-ähnlichem Unternehmen. Wir haben beschreibbare Wände! Und ja, wir können das Graffiti auch leicht wieder wegwischen!“

Stephan seufzte. „Neumodisches Zeugs. Aber irgendwie praktisch.“

Anna legte den Kopf auf die Seite. „Also los, Herr Dinosaurier, bevor Sie aussterben noch schnell eine Antwort auf die Frage ‚wie entsteht Vertrauen’„.

Stephan protestierte. „Dinosaurier. Pfff. Und gleichzeitig fühle ich mich wie in der Schule. Okay, mein Favorit ist ‚Halte Zusagen ein’. Lass mich das mit einem Beispiel erläutern. Wir bereiteten eine Präsentation für einen Lenkungsausschuss am Dienstag morgen vor. Am Donnerstag vorher bat ich eine Kollegin um die Zulieferung von zwei Folien, was sie auch zusagte. Als ich am Montag nachfragte, erfuhr ich, dass sie seit Freitag für 10 Tage im Urlaub sei. Die Folien hatte sie in der Hektik vor dem Urlaub nicht mehr geschafft und vergessen, mich zu informieren. Mich hat das rasend gemacht. Am Freitag hätte ich die Folien noch bequem selber erstellen können. Am Montag war nur noch Gefrickel möglich. Du kannst dir vorstellen, dass ich bei allen folgenden Aufgaben dreimal nachgefragt habe, wie der Stand ist und ob sie rechtzeitig abgeschlossen sind.“

Anna nickte und schrieb den Punkt an die Wand. „Sehe ich auch so. Verlässlichkeit. Es sind die kleinen Dinge, die dazu führen, ob wir einer anderen Person vertrauen oder nicht. Und es beginnt mit etwas Trivialem wie dem zugesagten Anruf.“

Anna überlegte einen Moment. „Hier passt recht gut meine Herzensangelegenheit ‚Kommuniziere offen und ehrlich’. Früher oder später kommt die Wahrheit immer ans Licht – und Menschen merken intuitiv recht schnell, wenn Worte und Handlungen nicht zusammen passen. Ich habe mal in einem Projekt gearbeitet, dessen primäres Ziel die Automatisierung manueller Arbeiten war. Irgendwann wurde der Projektleiter von seinen Linienmitarbeitern gefragt, ob dieses Projekt Auswirkungen auf die Anzahl der Arbeitsplätze habe. Ich meine, die Antwort war so offensichtlich… Glücklicherweise beschwichtigte er nicht, sondern ging in die Offensive. Das zwar kurzfristig für ordentlich Unruhe in der Mannschaft gesorgt. Aber als er einige Monate später angekündigt hat, dass voraussichtlich zusätzliche Arbeiten in den Bereich verlagert werden würden, hat man ihm das geglaubt. Er hatte sich das Vertrauen erarbeitet – hier mit unangenehmen, aber ehrlichen Nachrichten.“

Stephan nickte. „Ja, das bringen wir schon unseren Kindern bei ‚wer einmal lügt, dem glaubt man nicht’. Eine kleine Randnotiz. Unser Sohn wunderte sich, dass bei der Seniorenresidenz nebenan andauernd die Feuerwehr angerückt kommt. Und jedes Mal feststellt, dass es sich um einen Fehlalarm handelt. Er stellte völlig korrekt die Frage, warum die Feuerwehr den Alarm der Seniorenresidenz nicht ignorieren würde… Die Feuerwehr darf das nicht, aber für alle anderen wäre das die normale Reaktion.“

„Wie alt ist er inzwischen? Sechs? Mann… ich kann mich noch an das erste Photo erinnern, dass du geteilt hast… wie die Zeit vergeht!“

Stephan freute sich „Ja, kannst du mal sehen, wie alt du bist! So, diese kleine Retourkutsche für den Dinosaurier musste sein. Vielleicht ist das ein weiterer Punkt für die Wand? Ich sage so etwas ja nur, weil ich dich gut kenne und weiß, dass du mit derartigen Komplimenten umgehen kannst.“

Anna schaute entrüstet. „Nicht nur, dass du mich mit ‚Komplimenten’ überschüttest, jetzt lenkst du auch noch vom Thema ab. Also gut, ‚Kenne die Person’ ist auch hilfreich, Vertrauen aufzubauen. Aber wie macht man das? Einfach abwarten?“

„Na, von Nix kommt Nix. Du musst dich zu allererst für die Person tatsächlich interessieren. Du kannst 10 Jahre neben einer Person arbeiten – wenn du nicht ein einziges Mal fragst ‚was hast du am Wochenende gemacht’ wirst du nie etwas über die Interessen und Hobbys erfahren. Also, echtes Interesse ist das Wichtigste. Und dann kann diverse Möglichkeiten zur Interaktion nutzen. Wir hatten vor einiger Zeit ja mal über Personal Maps gesprochen. Aber auch so simple Dinge wie ein gemeinsamer Café oder Lunchdates helfen. Sowohl einzeln als auch mit dem ganzen Team. Teamevents sind auch gut geeignet – aus meiner Erfahrung aber weniger der ‚organisierte’ Teil, sondern eher das Essen, die Party, oder was auch immer. Ich habe mal in einem Projekt gearbeitet, in dem kein einziges Projektmitglied vor Ort gewohnt hat. Wir waren alle in Hotels untergebracht. Dementsprechend waren wir so gut wie jeden Abend als Team unterwegs. Zum Essen. In Bars. Bei Karaokepartys. Einmal in einem Stripclub. Nach wenigen Wochen kennst du deine Kollegen… sowohl die positiven Seiten als auch die Abgründe… Wie auch immer, das war eher ein ungewöhnliches Beispiel und nicht der Regelfall.“

Anna schüttelte den Kopf. „Stripclub? Das kann ich mir so gar nicht bei dir vorstellen…“

Stephan lachte. „Tja, bin halt ein Dinosaurier… ich habe schon Sachen erlebt, da warst du noch nicht einmal in Planung!“

„Okay, danke für den erneuten Seitenhieb. Ich versuche jetzt ganz geschickt, wieder auf unser ursprüngliches Thema zurückzukommen – wie entsteht Vertrauen? Ich würde hier noch den Punkt ‘Gehe in Vorleistung’ ergänzen wollen.“

Stephan überlegte einen Moment. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstehe. Könntest du das noch etwas erläutern?“

„Na klar. Meistens wollen wir ja, dass andere Vertrauen in uns haben. Vertrauen funktioniert aber nur in zwei Richtungen – eine andere Person hat nur dann Vertrauen in mich, wenn ich ihr ebenfalls Vertrauen schenke. Wir können die andere Person nicht aktiv dazu bewegen, uns zu vertrauen – wir können ihr keine Anweisung oder Befehl geben ‘Los, ab jetzt vertraust du mir!’. Wir können allerdings sehr wohl unsere eigene Einstellung und unser eigenes Verhalten kontrollieren und damit anderen Personen einen Vertrauensvorschuss schenken.“

Stephan nickte energisch. „Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, den du da ansprichst. Wir können zwar aktiv Vertrauen zerstören, aber Vertrauen nicht herbeizaubern. Daher ist Vertrauensaufbau in der Regel auch ein längerer Prozess. Was es wiederum schwierig macht, ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Eigenschaft vorzutäuschen. Du solltest immer du selbst sein, du solltest immer authentisch sein.“

Anna drehte sich zur Wand um. „Also haben wir hier einen weiteren Punkt: ‘Sei authentisch’.“

„Ja, genau. In eine ähnliche Richtung geht auch der Punkt ‘gestehe eigene Fehler ein’. Einerseits macht jeder irgendwann Fehler – es ist also unrealistisch, wenn man nie über eigene Fehler spricht. Und zweitens wirken Menschen, die nie über Dinge sprechen, die sie in den Sand gesetzt haben, aalglatt und suspekt. Also, ruhig offensiv mit Fehlern umgehen.“

Anna strahlte: „Hach, wie schön, das bringt mich zu einem meiner Favoriten: ‘suche nach Lösungen, nicht nach Schuldigen’. Wie oft habe ich es erlebt, dass nach Fehlern Stunden über Stunden verschwendet werden, um einen Schuldigen zu identifizieren. Mal abgesehen von der akuten Zeitverschwendung – wenn du einmal den Schwarzen Peter erhalten hast, überlegst du kontinuierlich, welche Hintergedanken dein Gegenüber haben könnte. Und ein Großteil deiner Energie fließt dahin, deinen eigenen Bereich ‘sauber’ zu halten. Alles nur, weil du den oder der anderen Person nicht vertraust.“

Stephan und Anna schauten auf die Wand. Nach einer Weile brach Stephan das Schweigen: „Sag mal, vertraust du mir?“

Anna sah Stephan verblüfft an. „Natürlich, was ist das für eine komische Frage?“

„Dann darf ich mich also ohne Begleitung in diesem Gebäude bewegen und mir noch einen Café holen?“

Anna gab Stephan einen kräftigen Stoß. „Loss, Dinosaurier, geh schon! Aber verlauf dich nicht – vielleicht lässt dich ja dein Gedächtnis im Stich!“

Anna sinnierte noch einige Minuten über die identifizierten Möglichkeiten, Vertrauen aufzubauen. Ihr erschien die Sammlung plausibel und ausreichend. Daher verbrachten Anna und Stephan die verbleibende Zeit mit intensiven Diskussionen über Urlaubsziele und Hotelempfehlungen.

Fußnote:

Dieser Artikel ist ein Kapitel meines Buches „Project Leadership – Mit Führungs- und Sozialkompetenz zu Spaß und Erfolg im Projekt“. Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, können Sie das vollständige Buch hier kostenlos herunterladen oder bei Amazon für den Kindle finden.

 

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