Bestehendes schützen oder Neues erschaffen

 

Was ist eigentlich wichtiger: das Bestehende zu schützen oder Neues zu erschaffen? Ist es wichtiger, existierende Kunden zu pampern oder neue Produktideen vor der Umsetzung zu validieren? Welches Risiko ist größer: deine Kunden zu verärgern und zu verlieren oder viel Geld und Zeit in ein überflüssiges Produkt zu investieren?

Meine Antwort auf diese Fragen findest du in diesem Video!


Transkript des Videos (automatisch erzeugt, bitte entschuldige mögliche Fehler)

Was ist bei der Entwicklung digitaler Produkte eigentlich wichtiger? Das Bestehende zu schützen oder Neues zu erschaffen? Oder irgendwas dazwischen? Und genau darum geht es hier in diesem kleinen Beitrag.

Wie komme ich dazu? Nun, ich bin Lehrbeauftragter an der Uni in Frankfurt und gebe dort Vorlesungen zum Thema Anforderungs-Management in agilen Projekten. Und ein Block, den wir dort behandeln, ist das Thema "Validierung von Lösungsideen". Vor dem Hintergrund, dass es aus meiner Sicht enorm wichtig ist, Lösungsideen früh und günstig zu validieren, bevor man sie irgendwie in Software umsetzt. Das heißt, das war so unser Thema. Ich habe dort verschiedene Methoden vorgestellt, wie man was machen kann. Und eine dieser Methoden war halt das - Ich nenne das jetzt mal Fake Payment - das heißt, um zu überprüfen, wie groß die Zahlungsbereitschaft deiner Kunden tatsächlich ist, führt man seine Kunden zu einer Zahlungsseite, lässt sie dort bezahlen und sagt dann hinterher: "Das Produkt ist noch gar nicht fertig. Danke für dein Interesse und hier ist dein Geld zurück." Das ist so ein bisschen die Idee. Man kann die Zahlungsbereitschaft überprüfen, ohne dass das eigentliche Produkt schon fertig ist. Und jetzt sagte einer der Studenten: "Ja, verstehe ich. Aber verprellt man damit nicht seine Kunden oder verprellt man damit nicht seine potentiellen Kunden?" Und ja, das ist natürlich ein Risiko. Man kann die Frage noch so ein bisschen verallgemeinern. Auf der einen Seite hat man ja das Risiko, ein Produkt zu entwickeln, was nicht auf Kunden trifft mit einer ausreichend hohen Zahlungsbereitschaft. Und auf der anderen Seite hat man das Risiko, dass man seine existierenden Kunden oder seine potentiellen Kunden mit dieser Art von Test, mit dieser Art von Validierung, verprellt. Und zwischen diesen zwei Risiken muss man sich jetzt irgendwie entscheiden. Gehe ich ganz in die eine Richtung, gehe ich ganz in die andere Richtung oder irgendwo dazwischen.

Wie so oft gibt es hier auch keine ganz klare Antwort, was man tun oder lassen sollte. Ich versuche das mal so ein bisschen vom Stadium deines Unternehmens abhängig zu machen. Wenn du also gerade ein Unternehmen gegründet hast, Startup oder wie auch immer du dich nennst, dann hast du ja noch keine Kunden, oder - was weiß ich - minimale Kunden. Das heißt, das Risiko für dich, Kunden zu verprellen, ist sehr gering. Das ist fast vernachlässigbar. Das Risiko, dass du mit einem jungen Unternehmen allerdings ein Produkt entwickelst, für das es hinterher gar keine Kunden gibt, das ist riesengroß. Also, insofern: An der Stelle ist die Entscheidung aus meiner Sicht relativ leicht. Führe diese Tests durch. Wo keine Kunden sind, kannst du auch keine Kunden verprellen. Insofern: Feuer frei. Teste, was das Zeug hält. Das ist übrigens auch ein Grund, warum viele Start-ups einfach unheimlich viele Ideen in den Markt bringen und gucken, was passiert. Die probieren Dinge aus. Sie haben den Mut, neue Dinge auszuprobieren.

Wenn du jetzt in einem halbwegs etablierten Unternehmen arbeitest - und da ist es dann fast egal, ob du 50, 500, 5000, 500 000 Mitarbeiter hast - dann sieht die Lage so ein ganz bisschen anders aus. Denn an der Stelle bist du erfolgreich mit irgendeinem Produkt. Du hast eine gewisse Anzahl von Kunden. Du hast eine gewisse Reputation im Markt, ein gewisses Ansehen. Und die Frage ist ja: Willst du das alles riskieren? Willst du dein Unternehmen, deine Umsätze am Ende auch das Einkommen deiner Mitarbeiter riskieren, um ein neues Produkt zu testen, auszuprobieren? Und naja, an dieser Stelle würde ich jetzt nicht "all in" gehen. Feuer frei und wir testen mal neue Produktideen bis der Arzt kommt, sondern an der Stelle sehe ich durchaus das Risiko, irgendwie abwägen zu müssen. Wie schütze ich mein bestehendes Geschäft und bin gleichzeitig in der Lage, neue Ideen zu validieren. Das heißt, beide Risiken sind natürlich berechtigt, beide Risiken musst du im Blick behalten. Und was man hier aus meiner Sicht ganz wunderbar machen kann, ist, dass man das Risiko beschränkt. Man beglückt also nicht alle seine Kunden mit einem Test, mit einer Validierung, mit einem Payment Test, sondern nur einen kleinen Ausschnitt. Also du nutzt beispielsweise so etwas wie A/B Tests, um nur ein Prozent, ein halbes Prozent, 5 Prozent deiner Kunden überhaupt in die Richtung deines Payment Tests zu lenken und guckst dir dann das Ergebnis an. Also insofern: das Risiko, dass deine Kunden dann total angepisst sind und sagen: "Mit dem Unternehmen will ich aber nichts mehr zu tun haben!" beschränkst du somit schon mal auf eine relativ kleine Kundenzahlen, die dann aber immer noch groß genug ist, um valide Erkenntnisse aus deinem Test rauszuziehen. Das ist so ein bisschen das Prinzip, was dahintersteht.

So, diese Idee, die ist jetzt auch nicht völlig neu. Es gibt einen ziemlich bekannten Management Denker: John Kotter. Der hat schon vor vielen Jahren den Begriff "Ambidextrous Organization" geprägt. Und im Kern geht es darum, dass Unternehmen zwei Dinge gleichzeitig gut können müssen. Sie müssen auf der einen Seite ihr existierendes Geschäft beschützen und optimieren und gleichzeitig in der Lage sein, ein neues Geschäft aufzubauen, zu experimentieren und zu kreieren. Und genau diese zwei oftmals gegensätzlichen Pole muss eine erfolgreiche Organisation beides beherrschen. Denn in dem Moment, wo man nur gut daran ist, neue Produkte zu entwickeln, wird man nie in der Lage sein, die zu skalieren und auch effizient zu liefern. In dem Moment, wo man nur in der Lage ist, ich sag mal, den maximalen Profit aus seinen existierenden Produkten zu rauszuziehen, wird man irgendwann vom Markt verschwinden, weil man links und rechts von seinen Wettbewerbern überholt werden. Also: als erfolgreiches Unternehmen musst du beides können und damit auch das Risiko, deine existierenden Kunden zu verprellen und das Risiko, ein Produkt zu entwickeln, was keiner braucht, beides im Blick halten und beides ausbalancieren.

Zu guter Letzt würde mich noch interessieren, ob du auch schon mal in so einer Situation warst. Ob du auch schon mal in einer Situation warst, wo du einerseits etwas Neues ausprobieren wolltest, wo du einen Test durchführen wolltest und gleichzeitig aber auch das große Ganze im Blick behalten musstest und das Risiko für dein Unternehmen irgendwie beschränken musstest. Wenn ja, freue ich mich über deine Kommentare, über deine Hinweise. Wir können ja alle voneinander lernen.

In jedem Fall hoffe ich, dass du hier ein paar Inspirationen mitgenommen hast, die du in deiner täglichen Arbeit umsetzen kannst. Denk bitte immer daran: Das Leben ist zu kurz, um in beschissenen Projekten zu arbeiten. Bis bald.

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