Mehr Verantwortung für den Einzelnen? Ja. Aber will das Management sie wirklich?
Jan 16, 2026
Neulich bin ich über Jürgen Appelos Beitrag „The Solo Chief“ gestolpert – lesenswert für alle, die Ownership ernst meinen: substack.jurgenappelo.com/p/the-solo-chief. Seine Kernidee: klare, personengebundene Verantwortlichkeit statt diffuser Zuständigkeiten in Gremien. Klingt bestechend – und ist im Alltag bitter nötig.
Meine Beobachtung aus der Praxis: Die Erwartungen an den Einzelnen steigen rasant. Rollen werden breiter, Schnittstellen dichter, Time-to-Decision kürzer. Wer Ergebnisse liefern will, muss über Silos hinweg denken, Prioritäten hart setzen und mit Unsicherheit umgehen können. „T‑Shaped“ reicht oft nicht mehr; gefragt sind „X‑Shaped“ Profile, die sowohl fachlich tief als auch unternehmerisch end-to-end entscheiden.
Doch genau hier hakt es: Business Units und Middle Manager akzeptieren das Mehr an Verantwortung häufig nicht. Im Gegenteil: Verantwortung wird gescheut wie der Teufel das Weihwasser. Warum?
- Risikovermeidung: Fehlerkultur ist auf dem Papier vorhanden, in KPIs und Bonuslogiken aber selten verankert.
- Strukturelle Ambiguität: RACI-Diagramme suggerieren Klarheit, erzeugen in der Praxis aber geteilte Verantwortlichkeit – und damit niemanden, der wirklich entscheidet.
- Macht durch Prozess, nicht durch Ergebnis: Reporting, Steering Committees und Gate-Reviews sichern Einfluss – aber nicht zwingend Outcomes.
- Incentives gegen Ownership: P\&L, Budgethoheit und Zielsysteme sitzen im Linienapparat, während Projekt- oder Produktverantwortliche am Katzentisch Platz nehmen.
Wenn wir die „Solo-Chief“-Logik ernst meinen, braucht es konsequente Organisationstweaks:
- Klare Mandate & Entscheidungsrechte pro Thema/Produkt – schriftlich, öffentlich, mit Eskalationspfad.
- Ergebnisbasierte Anreize (OKRs, Bonus, Karriere) an Outcome-Metriken, nicht Output und Aktivität.
- Fehler- und Risikobudgets („Risk & Learn“) statt Null-Fehler-Kultur.
- P\&L‑Nähe für Verantwortliche: Zugriff auf Budgethebel, nicht nur „Einfluss ohne Mittel“.
- Gremien-Diät: Komitees mit Sunset-Date, strenge Agenda, Entscheidungspflicht statt Endlos-Alignment.
- Sponsorship sichtbar machen: Top-Management schützt Entscheidungen, auch wenn sie anecken.
- Transparenz über Ownership: Ein öffentliches „Wer entscheidet was“-Verzeichnis (leichtgewichtig, gepflegt).
Kurz: Mehr persönliche Ownership funktioniert nur, wenn Strukturen, Anreize und Schutzräume es ermöglichen. Sonst bleibt das Konzept eine schöne Folie – und Verantwortung wandert weiter im Kreis.
Lass uns in Kontakt bleiben!
Melde dich für meinen Newsletter an, um regelmäßig Inspirationen, Informationen und Angebote zum Thema Project Leadership zu erhalten. Deine Daten werden selbstverständlich nicht weitergegeben.
Ich verschicke kein Spam. Du kannst dich jederzeit abmelden.